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Zweierlei Wissen
      
Ein Gelehrter fragte einen Weisen,
wie sich das Einzelne zu einem Ganzen fügt
und wie das Wissen um das Viele
sich vom Wissen um die Fülle
unterscheidet.
 
Der Weise sagte:
»Das weit Verstreute wird zu einem Ganzen,
wenn es zu einer Mitte findet
und gesammelt wirkt.
Denn nur durch eine Mitte wird das Viele
wesentlich
und wirklich,
und seine Fülle erscheint uns dann als einfach,                
fast wie wenig,
wie ruhige Kraft auf Nächste hin,
die unten bleibt
und nahe dem, was trägt.
 
Um Fülle zu erfahren
oder mitzuteilen,
muß ich daher nicht alles einzelne
wissen,
sagen,
haben,
tun.
 
Wer in die Stadt gelangen will,
tritt durch ein einzelnes Tor.
Wer eine Glocke einmal anschlägt,
bringt mit dem einen Ton noch viele anderen zum Klingen.
Und wer den reifen Apfel pflückt,
braucht dessen Ursprung nicht ergründen.
Er halt ihn in der Hand
und ißt. «
 
Der Gelehrte wandte ein, daß wer die Wahrheit wolle,
auch alle Einzelheiten wissen müsse.
Der Weise aber widersprach.
Nur von der alten Wahrheit wisse man sehr viel.
Wahrheit die weiterführt,
sei gewagt
und neu.
Denn sie verbirgt ihr Ende
Wie der Keim den Baum.
Wer daher noch zu handeln zögert,
weil er mehr wissen will,
als ihm der nächste schritt erlaubt,
versäumt, was wirkt.
Er nimmt die Münze
für die Ware,
und aus Bäumen
macht er Holz.
Der Gelehrte meinte,
das könne nur ein Teil der Antwort sein,
und er bitte ihn
um noch ein bißchen mehr.
Der Weise aber winkte ab,
denn Fülle sei am Anfang wie ein Faß voll Most:
süß und trüb.
Und es braucht Gärung und genügen Zeit,
bis er sich klärt.
Wer dann, statt daß er kostet, trinkt,
beginnt zu schwanken.
 
Bert Hellinger
 
 
 


 
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